Justizkomitee Regelbuch
Über den Tellerand hinaus

Wenn man eine Regel bricht – warum ein Justizkomitee? (Teil II)

Das Justizkomitee (JK) ist ein Werkzeug, um Konflikte zu lösen und um die Kultur  an unserer Demokratischen Schule zu pflegen — eine Kultur, die geprägt ist von Respekt, Verantwortung, und von achtsamem Umgang mit Ressourcen und Räumlichkeiten. Schüler*innen an unserer Schule müssen im Justizkomitee mitwirken. Wir glauben, dass es für die Pflege unserer Kultur entscheidend ist, „beide Seiten“ zu erleben. Unser Meinung nach reicht es nicht, eine Regel zu verabschieden, es muss auch eine Konsequenz geben, wenn man die verabschiedete Regel nicht befolgt — sonst wird die Regel nicht als Regel wahrgenommen.

Regeln aufgestellt vom Justizkomitee
Damit eine Regel auch als solche wahrgenommen wird, müssen Konsequenzen mit einer Nichtbefolgung einhergehen.

Für Fälle, die schwerwiegender sind als das Beispiel im ersten Teil, ist das Justizkomitee besonders wichtig. Wenn jemand beispielsweise jemanden anderes geschlagen hat, könnte das JK eine Woche Schulverbot als Konsequenz beschließen. Normalerweise werden solche Fälle aber an die Schulversammlung weitergeleitet, die dann den Fall erneut untersucht und eine abschließende Entscheidung zu Anklage und Konsequenz verabschiedet. Die Schulversammlung hat außerdem das letzte Wort zu allen Entscheidungen des JK. Sie kann Entscheidungen jederzeit rückgängig machen oder ändern.

Hauptsächlich bespricht die Schulversammlung aber nur schwerwiegende Fälle, in denen ein*e Schüler*in die Sicherheit der Schulgemeinschaft gefährdet. Wenn ein*e Schüler*in wiederholt andere Personen angreift, könnte die Schulversammlung ihn/sie von der Schule ausschließen. Man wird von der Schule verwiesen, wenn man über einen längeren Zeitraum:

  1. die Regeln nicht befolgen kann oder will
  2. die Entscheidungen von Justizkomitee oder Schulversammlung nicht anerkennt
  3. sich verweigert, im Justizkomitee mitzuwirken

Vergeltung oder Wiedergutmachung?

Das Justizkomitee garantiert eine respektvolle Schulkultur
Durch das Justizkomitee und die Konsequenzen, die mit dem Brechen von Regeln einhergehen, wird eine respektvolle und sorgsame Schulkultur gepflegt.

Als ich eine andere Sudbury-Schule besuchte, fragte ein weiterer Gast, halb im Scherz: „Und wo ist euer Gefängnis?“ Ich möchte hier ganz klar machen, dass das Ziel des Justizkomitees nicht die Bestrafung oder Vergeltung ist, sondern die Wiederherstellung unserer Gemeinschaft und unserer Kultur (engl. restorative justice). Es ist ungeheuer schwierig, sich gute Konsequenzen auszudenken. Wenn jemand eine Regel zum ersten Mal bricht, wird die Konsequenz wahrscheinlich nur eine mündliche Warnung sein. Aber es liegt in der Verantwortung des Schülers/der Schülerin, die Regel zu befolgen, und sollte er/sie sie noch mal brechen, wird es eine neue Konsequenz geben. Die Konsequenz hat nicht das Ziel, dass der/die Schüler*in sich schlecht fühlt, sondern sie dient dazu, klarzumachen, dass er/sie die Regel befolgen muss. Die Schulgemeinschaft kann gegebenenfalls Unterstützung anbieten, z.B. könnte eine Konsequenz lauten, sich mit einer/m Mitarbeiter*in über Strategien zum Aggressionsmanagement zu unterhalten. Doch letztendlich liegt das Verhalten in der Verantwortung des Schülers/der Schülerin selbst.

Kinder, die neu an unserer Schule sind, sind sehr verängstigt, wenn sie das erste Mal ins Justizkomitee gerufen werden. Das ist verständlich, denn einige Bezeichnungen haben negative Assoziationen , wie „Urteil“, „Anklage“, „anzeigen“. Ich wurde selbst schon angezeigt, und mein Herz raste, als ich ins Justizkomitee gerufen wurde. Ich war so nervös: „Ich habe doch immer versucht alles richtig zu machen!?! Was habe ich falsch gemacht? Was wird meine Konsequenz sein? Was werden andere von mir denken?“, dachte ich. Jemand hatte eine Anzeige gemacht, weil viele Seiten Papier weggeschmissen wurden, obwohl die Rückseite noch nutzbar war. Ja, einige dieser Seiten waren meine, einige hatten meine eigenen Skizzen auf der Vorderseite, einige waren geknittert. Normalerweise lege ich wiederverwendbare Seiten auf den dafür vorgesehenen Stapel. Diese waren teilweise geknittert, und ich wollte auch nicht, dass jemand meine (nicht besonders schönen) Skizzen als Notizzettel verwendet. Meine Konsequenz war eine Warnung. Nun wusste ich, dass in der Schule *alle* Rückseiten zur Wiederverwendung aufgehoben werden, und wenn ich nicht möchte, dass jemand die Rückseite meiner Skizze nutzt, soll ich sie zu Hause wegschmeißen.

Es gibt außerdem die Möglichkeit, eine Mediation zu beantragen, das bedeutet, dass es keine Anklage und keine Konsequenzen gibt, nur ein Gespräch, das vom Justizkomitee geleitet wird.

Lerninhalte?

Das Ziel des Justizkomitees ist nicht, dass Schüler*innen Sozialkompetenzen erwerben. Das Ziel des Justizkomitees ist, Konflikte zu lösen und unsere Kultur des Miteinanders zu pflegen. Die folgenden, überaus wichtigen Kompetenzen sind ein Nebenprodukt dieses Prozesses, genau so wie auch alle anderen, überaus wichtigen Kompetenzen, die die Schüler*innen an unserer Schule erlernen, ein Nebenprodukt ihres Schulalltags und ihrer Leidenschaften sind.

„Das Nebenprodukt von Leidenschaft ist Kompetenz, und das Nebenprodukt von Kompetenz ist Erfolg.“  André Stern, sinngemäß

  • Empathie: Um einen Justiz-Fall zu verstehen und eine Konsequenz zu finden, die dem Betroffenen hilft, die Regel das nächste Mal zu befolgen, ist es entscheidend, dass man sich in alle beteiligten Personen einfühlen kann. Manchmal weinen Kinder im Justizkomitee, oder werden richtig wütend — dann muss man Strategien finden, um mit den Emotionen umzugehen, aber auch um den Fall zu behandeln
  • Kommunikation: Das gesamte Justizkomitee ist Kommunikation. Ohne sich dessen bewusst zu werden, lernt man, für sich zu sprechen (und nicht für andere), seine Argumente zu strukturieren, und so vieles mehr. Die Mitarbeiter*innen und älteren Schüler*innen sind dabei wichtige Vorbilder.

    Justizkomitee in Aktion
    Durch das Justizkomitee erlernen die Schüler*innen zugleich wertvolle Kompetenzen. Diese sind Nebenprodukte des Lösens von Konflikten in der Schulgemeinschaft.
  • Respekt: Egal was du getan hast, als Mensch verdienst du Respekt.
  • Gleichberechtigung: Jeder erhält die Chance, seinen/ihren Standpunkt zu erklären. Jede*r wird gleich behandelt.
  • Selbstbeherrschung: Auch wenn du total wütend bist, musst du mit dem Sprechen warten, bis du dran bist.
  • Verantwortung: Du bist für deine Handlungen verantwortlich und wirst dafür zur Verantwortung gezogen. Wir haben eine Regel „unangemessene Reaktion“, wenn dich z.B. jemand schlägt, solltest du nicht zurück schlagen, sondern die Situation verlassen und eine Anzeige schreiben.
  • Integrität: Wenn du lügst, wird es früher oder später ans Licht kommen. Im JK zu lügen, ist ein schwerwiegender Regelbruch.
  • Geduld: Siehe das Beispiel aus dem ersten Teil dieses Artikels. Nun stell dir vor, es verläuft nicht so glatt, z.B. wenn ein 6-jähriges Kind ausrastet.
  • Transparenz: Jeder kann beim Justizkomitee zuhören, es sei denn die JK-Beauftragten entscheiden, dass es eine sehr private Angelegenheit ist, oder dass schon zu viele Leute im Raum sind. Jede*r kann in der Schulversammlung die wöchentliche JK-Zusammenfassung mit allen Konsequenzen einsehen.
  • Gerechtigkeit: Was ist Gerechtigkeit? Schwer zu erklären, aber im Justizkomitee kann man es erfahren, mitdiskutieren und überdenken. Jeder ist für eine Kultur der Gerechtigkeit an unserer Schule verantwortlich.
  • Demokratie: Das Justizkomitee ist Teil der Judikative und jede*r Schüler*in ist Teil von ihr.   Jede*r Schüler*in ist aber auch Teil der Legislative (jede*r kann in der Schulversammlung Regeln vorschlagen) und Teil der Exekutive (jeder kann in der Schulversammlung über Entscheidungen abstimmen). Als Schüler an einer Demokratischen Schule erfährt man alle drei Teile einer Demokratie.

Vergleich mit traditioneller Bildung

Und jetzt vergleiche diese Beschreibung mit deiner eigenen Erfahrung von Schule (sofern du auf eine traditionelle Schule gegangen bist)! „Gerechtigkeit“ wird durch Lehrer*innen oder Schulleiter*innen hergestellt. Viele Konflikte werden Lehrer*innen gar nicht erst bekannt, sondern werden unter Schülern ausgetragen – oft bestimmt dadurch, wer stärker oder dominanter ist. Viele Fälle von Mobbing werden nicht bemerkt, weil die Betroffenen Angst haben, oder weil sie anzweifeln, dass die Handlungen des Lehrers helfen werden und sie nicht als Lehrers Liebling gelten wollen.

Die Entscheidung, von der Schule ausgeschlossen zu werden, trifft der/die Schulleiter*in, manchmal ohne faire Aussprache aller Beteiligten. Außerdem muss man im Unterricht still sitzen, und der Lehrer erklärt die Demokratie inklusive Justizsystem und man schreibt dazu eine Klassenarbeit. Es wird erwartet, dass die Schüler*innen die oben genannten Kompetenzen erwerben, ohne dass die Schule ihnen die Zeit gibt, diese im authentischen Kontext zu üben.

“An einer traditionellen Schule über Demokratie zu lernen, ist wie im Knast Reiseprospekte zu lesen.” Derry Hannam

Justizkomitee sorgt für Leichtigkeit
Das Justizkomitee ist keine Herrschaft des Schreckens. Es sorgt für Leichtigkeit. „Denn ein Fehler ist keine schlechte Note, sondern eine gute Lernerfahrung für alle Beteiligten.“

Sogar wenn in einer traditionellen Schule ein solches Justizkomitee stattfinden würde, müsste der Lehrer den Schüler*innen Noten geben, wie gut sie bei der Lösungsfindung beteiligt waren, und wie gut sie kommuniziert haben – natürlich bezogen auf Kernkompetenzen aus dem Lehrplan. An unserer Schule brauchen wir jedoch keine Noten, denn die Schüler bewerten sich selbst und andere ständig. Dazu braucht es keine großen Worte oder Zahlen, sondern Empathie und Gespür. Besonders die JK-Beauftragten stehen unter starker Beobachtung, denn sie haben die Fäden in der Hand und damit sehr viel Einfluss. Dennoch brauchen sie keine Angst vor diesem Einfluss haben. Denn ein Fehler ist keine schlecht Note, sondern eine gute Lernerfahrung für alle Beteiligten.

 

(Anmerkung: Dieser Artikel bezieht sich auf die Diablo Valley School in Concord, CA, USA und wurde 2017 auf dem Blog https://alexandermueller.org/veröffentlicht)

Alexander Müller ist Mitarbeiter an der Demokratischen Schule X in Berlin. Er schreibt über seine Erfahrungen in selbstbestimmter Bildung auf dem Blog: https://alexandermueller.org

 

Zu Alexanders erstem Beitrag über das Brechen von Regeln geht es hier: Wenn man eine Regel bricht – ein Fallbespiel (TEIL I)

 

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