Im echten Leben

Liebe Eltern, ich werde nicht mehr in die Schule gehen

Kontext: Diesen Brief habe ich an meine Eltern geschrieben nachdem ich nach einem halben Jahr in der 11. Klasse an einer Gesamtschule entschieden habe nicht mehr weiter in die Schule zu gehen sondern mich selbst auf das Abitur vorzubereiten. Heute, fasst 4 Jahre später, bin ich überrascht wie idealistisch und dennoch zynisch ich damals war. Vieles sehe ich heute differenzierter, rationaler. Meine Wut auf meine damaligen Lehrer und Mitschüler ist zu Mitleid geworden, sie haben getan was das System von ihnen erwartet hat. Trotzdem enthält dieser Text Gedanken, die wirklich gedacht und vor allem gefühlt wurden und ich bin mir sicher, dass ich nicht die einzige mit solchen Gedanken war, bin, und sein werde und, dass meine Eltern nicht die einzigen mit dem Bedürfnis nach einem solchen Brief.


März, 2014

Hallo Mama, hallo Papa,

irgendwie hab ich gewusst, dass ich in meinem Leben viele solche Briefe schreiben werde, Briefe in denen ich etwas erklären muss, das für mich selbstverständlich ist, weil ich oft einfach anders denke.

Ich werde nicht mehr weiter in die Schule gehen. Es gibt einfach nichts was mir dort gefällt, nichts worauf ich mich morgens freuen könnte. Vor allem die letzten Wochen hat jeder Gedanke an Schule mich traurig und wütend gemacht. Mir geht es so viel besser jetzt wo mir bewusst geworden ist, dass ich nicht dort hin gehen muss.

Am besten wäre es, wenn ihr selbst mal eine Woche wieder in die Schule gehen würdet, aber das geht wohl nicht. Also muss ich versuche es auch irgendwie zu erklären.

Mein erster Schultag an der freien demokratischen Schule Kapriole, die ich 9 Jahre besucht habe

Sagen wir die Schule besteht aus drei Teilen dem Stoff, den Lehrern und den Schülern.

Das System bereitet auf ein Berufsleben vor in dem alle in einem Call Center arbeiten, wo sie auswendig gelernte Sätze nachbrabbeln. Dabei werden viele von uns Berufe haben, die es jetzt noch gar nicht gibt!

Der Lehrplan 11. Klasse enthält schon Sachen die mich interessiere und sowohl fürs Abi als auch fürs Leben hilfreich sein können. Doch so, wie sie erklärt werden, bringt es mir einfach nichts. Denn es geht nicht darum etwas fürs Leben zu lernen, sondern darum die nächste Klassenarbeit gut zu bestehen. Und genau wie alle anderen vergesse ich die Dinge wieder sobald die Arbeit rum ist.
Der Grund dafür ist, dass einfach der Sinn dahinter fehlt. Alles ist exakt in Fächer und dann weiter in Themenbereiche aufgeteilt, die unabhängig voneinander dargestellt werden. Dabei hängt doch alles zusammen. Es ist doch alles eine Welt und diese Verbindungen sind es, die man verstehen muss, denn die Fakten werden sich durch weitere Forschung und Entwicklung ständig weiter entwickeln.
Das Schulsystem ist so schrecklich veraltet. Es bereitet auf ein Berufsleben vor in dem alle in einem Call Center arbeiten, wo sie auswendig gelernte Sätze nachbrabbeln. Dabei werden viele von uns Berufe haben, die es jetzt noch gar nicht gibt und die nichts damit zu tun haben, was wir in der Schule gelernt, nicht mal was wir studiert haben. Es ist wichtig verantwortungsbewusst, flexible und selbstständig zu sein und zu wissen wo man hin will, doch nichts davon kann man an einer Regelschule lernen, weil alles vorgegeben und ständig kontrolliert wird und dadurch aus kreativen, neugierigen Kindern Roboter gemacht werden. Wirklich. Die hälfte meiner Klasse hat Religion und Geschichte, weil sie gehört haben, dass man dort mehr auswendig lernen kann, als in Ethik und Politik. Auch ich verliere langsam aber sicher meine Freunde am lernen. Auch wenn mich ein Thema wirklich interessiert, sobald ich etwas muss und dafür benotet werde kann ich es nicht mehr wirklich genießen. Und manche Themen sind wirklich toll, aber es wird einfach nicht wirklich auf sie eingegangen. Es geht nur darum, dass vor der Klassenarbeit jeder das gleiche in seinem Heft stehen hat, dass er auswendig lernen kann.

Ich will Fragen stellen können, die ernst genommen werden und Fragen gestellt bekommen, die ernst gemeint sind.

Bei den Lehrern frage ich mich oft, warum sie denn Lehrer geworden sind. Ich denke mal sie müssen Begeisterung für ihr Fach haben sonnst hätten sie es ja nicht studiert aber ich merke einfach keine Begeisterung für ihre Schüler, keine Bereitschaft sich irgendwie auf diese einzulassen und dadurch ein konstruktives Arbeiten herzustellen bei dem jeder von jedem etwas lernen kann.
Und dann diese Mündlichen Noten, sie sind vor allem eine Aufforderung zum Schauspielen, mit möglichst wenig Aufwand den Eindruck zu erwecken man würde am Unterricht teilnehmen, obwohl man Handy spielt.
Ich will Fragen stellen können, die ernst genommen werden, ich will Fragen gestellt bekommen, die ernst gemeint sind. Nicht dieses ewige abfragen über den Text, der vor uns liegt oder die letzte Stunde. Ich will etwas sagen können, von dem ich glaube, dass es wichtig ist und dazu beiträgt etwas zu verstehen. Nicht ständig mit ausgestreckter Hand auf meinem Stuhl rumhüpfen, der Willkür meines Lehrers ausgeliefert, um Dinge zu sagen, die mir vollkommen egal sind und niemanden weiterbringen, nur um eine gute Note zu bekommen.

Ich kann das ewige Rummeckern über Lehrer und Aufgaben ohne jegliche Versuche etwas zu verändern nicht mehr hören

Meine lieben Mitschüler, sind die süßen kleinen Roboter in dieser vermeintlichen Erfolgsfabrik. Sie haben nie gelernt frei zu denken und wahrscheinlich werden sie es nie lernen, weil sie nie jemand herausfordert und gleichzeitig ernst nimmt. Keiner geht gerne in die Schule und kaum einer weiß wieso er überhaupt hingeht. Sie wollen einfach nur, dass diese 3 Jahre möglichst schnell mit möglichst vielen Freistunden, möglichst wenig Hausaufgaben und halbwegs guten Noten vorbei gehen.
Ich werde nie vergessen, wie mich E. gefragt hat, ob sie meine Zeichnung und deutschen Gedicht-Zitate am Rand von meiner Spanisch-Notizen auch abschreiben sollte, oder wie C. im 11. Klasse-Politikkurs saß, mit ihrem blondierten Haar gespielt hat und meinte „Aber es kann doch jeder Arbeit finden, wenn er will.“, oder wie D. mich angemotzt hat, ich solle gefälligst nicht so schnell an die Tafel schreiben, damit es klingelt bevor wir überhaupt mit unserem Referat anfangen können auf das er sich nicht vorbereitet hatte, oder T., der mir sagt, ich sollte die „Fresse“ halten und nicht immer so „dumme“ Fragen stellen, weil ich in Deutsch wissen wollte was denn überhaupt ein “Gedicht” zum Gedicht macht bevor wir anfangen die Namen von Stilmitteln auswendig zu lernen.
Ich erwarte ja gar nicht, dass sie alle meine Freunde werden, aber einfach ignorieren kann ich sie auch nicht.
Also sieht eine Gruppenarbeit immer so aus, dass ich diese 3 Möglichkeiten haben:
1. Ich spiele Chef, mach schnell alles alleine und sag den anderen was sie bei der Präsentation zu tun haben,
2. Ich spiele mit und belasse es bei ein-zwei versuchen herauszufinden, wer woran arbeiten möchte und die Leute zu motivieren endlich anzufangen und schaue ihnen dann den Rest der Stunde zu, wie sie SMS schreiben und 2 Minuten vor ende irgendwas hin krakeln,
3.  Ich spiele Lehrerin und erkläre ihnen genau worum es geht und helfe ihnen es selbst zu verstehen und selbst zu erarbeiten, das ist natürlich am besten, aber das ist ziemlich anstrengend und (zumindest noch) nicht mein Job.

Ich kann das ewige Rummeckern über Lehrer und Aufgaben ohne jegliche Versuche etwas zu verändern nicht mehr hören. Selbst, wenn sie die Möglichkeit bekommen etwas zu entscheiden, warten alle darauf, dass es doch die Lehrerin entscheidet, damit sie nicht die Arbeit haben sich Vorschläge zu überlegen und eine Abstimmung zu leiten.

Ich will zurück oder weiter an Orte, wo ich einfach ich selbst sein kann und als das gesehen werde, mit meinen Schwächen und Stärken.

Irgendwo wollte ich das alles ja auch. Ich wollte einmal raus aus dieser happyhippie Welt der Demokratischen Schulen und das „echte Leben“ und Menschen kennenlernen, die wie die Mehrheit der Bevölkerung lebt. Und ich könnte weitermachen. Doch wozu? Ich will nicht weitermachen. Ich will zurück oder weiter an Orte, wo ich einfach ich selbst sein kann und als das gesehen werde, mit meinen Schwächen und Stärken.
Ich kann nicht mehr dieser idealistische Engel sein, von dem sich keiner erlösen lassen will und der deshalb unsichtbar bleibt. Ich kann nicht weiter gegen diese graue Wand der Sinnlosigkeit ankämpfen, nicht mehr mir selbst zu hören, wie ich irgendwelches absichtlich provokatives Zeug rede, nur damit 
vielleicht etwas passiert, ich irgendeine Reaktion bekomme.

in die Schule gehen ist wie schlafen ohne sich an die Träume zu erinnern

Meinen in der Schule fehlenden Sinn habe ich in sozialen Engagement in der EUDEC und mit einem Jungend Kultur Café gesucht und gefunden

Es ist so schwer sind abends von Freunden zu verabschieden, wenn sie gerade die spannendsten Diskussionen führen, weil ich am nächsten Tag in die Schule muss und mich morgens aus dem Bett zu quälen. Jeden Moment in der Schule weiß ich genau in wie vielen Stunden ich noch durchstehen muss, bis ich endlich wieder gehen kann, bis mein wirkliches Leben beginnt. Denn in die Schule gehen ist wie schlafen ohne sich an die Träume zu erinnern. Wenn ich nachhause komme und meine Mitbewohner mich fragen, wie es in der Schule war, gibt es einfach nichts was ich erzählen könnte. Wenn mich Studenten fragen, was ich "mache", klingt es falsch zu sagen „Ich mache Abi“, denn in der Schule bin ich nur passiv, wenn dann macht die Schule etwas mit mir, aber was ich wirklich mache ist Theater und Filme und soziale Projekte und vieles andere nur nicht Schule.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich so tue als wäre die Schule Folter und weil ich weiß, dass es auf der Welt Milliarden Menschen gibt die sich wünschen sie könnten auf so eine Schule gehen, wie ich jetzt verlasse. Trotzdem macht es auch mit diesem Wissen genauso wenig Sinn weiter zur Schule zu gehen, wie sich das restliche essen auf dem Teller im Namen der „Kinder in Afrika“ reinzustopfen.
Für mich ist in die Schule gehen auch eher so, wie als würde ich in Afrika Mais anbauen, der zwar vorerst eine Lösung für den Hunger ist, aber die Nährstoffe aus dem Boden zieht, bis dort gar nichts mehr wachsen kann. Auf eine Staatsschule gehen ist für mich genauso wie Fleisch essen, billige Klamotten kaufen, und Autofahren, etwas das ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann, weil mein Konsum etwas unterstützt das ich falsch finde. Auch wenn ich nur eine Einzige bin und sich nur 11 Lehrer und 19 Schüler Gedanken darüber machen, warum ich abgebrochen habe, ist das eben mein Teil, den ich beitragen kann.

Ich freue mich auf die Freiheit und die Verantwortung

Im selben Jahr auf der EUDEC Konferenz

Ich freue mich auf die Freiheit und die Verantwortung, die mich die nächsten Monate erwartet. Ich möchte mich endlich richtig auf meine Theater- und Filmprojekte konzentrieren, Praktika machen und gerne auch Arbeiten und ich möchte mehr für die EUDEC tun. Ich will wieder herausfinden, was mich eigentlich interessiert und durch Dokus und Bücher und Gespräche mit anderen darüber lernen, aber ich möchte mir auch schon mal anschauen, was mich im Abi erwartet und mich selbstständig darauf vorbereiten, was für mich einfach der beste Weg ist.

Ich wollte euch nicht schocken. Für mich war es einfach kein so großes Ding gar nicht mehr hin zu gehen, weil es sich die letzten Monate immer mehr darauf hin entwickelt hat und ich, vielleicht körperlich, aber mental überhaupt nie ganz dort war. 

Danke, dass ihr mich trotz allem ernst nehmt und mich einen solchen Brief schreiben last. 

Stella

(Titelbild: Leon Rüttinger)

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