Unseren Senf

Man in the Mirror

Was sich angehende Lehrer fragen sollten

Co-Autor: Jenny Diener

If you wanna make the world a better place, take a look at yourself then make a change. I’m starting with the Man In The Mirror. I’m asking him to change his ways.

(Wenn du Welt zu einem besseren Ort machen möchtest, werfe einen Blick auf dich selbst und dann ändere etwas. Ich beginne mit dem Mann im Spiegel. Ich verlange von ihm sich zu verändern. )(Michael Jackson: Man in the Mirror)

Der australisch-britische Komiker und Musiker Tim Minchin hielt 2013 an der University of Western Australia eine bewegende Rede im Rahmen der Graduiertenfeier. Ganz philosophisch gibt er darin “nine life lessons“(9 Lebenslektionen), die allesamt durchaus bedenkenswert sind. Herausgreifen möchten wir “life lesson six: be a teacher!” (Lebenslektion sechs: Sei ein Lehrer)

Please? Please be a teacher. Teachers are the most admirable and important people in the world. You don’t have to do it forever, but if you’re in doubt about what to do, be an amazing teacher. Just for your twenties. Be a primary school teacher. Especially if you’re a bloke – we need male primary school teachers. Even if you’re not a Teacher, be a teacher. Share your ideas. Don’t take for granted your education. Rejoice in what you learn, and spray it.”

(Bitte, bitte werdet Lehrer. Lehrer sind die am meisten bewundernswerten und wichtigsten Personen auf der Welt. Ihr müsst es nicht für immer tun, aber wenn ihr daran zweifelt was ihr tun sollt, werdet großartige Lehrer. Nur während eurer Zwanziger.  Werdet Grundschullehrer. Besonders wenn du ein Typ bist, wir brauchen männliche Grundschullehrer. Selbst wenn ihr  euch nicht als Schullehrer seht, seid Lehrer. Teilt eure Ideen mit anderen. Seht die Bildung die ihr erfahren habt nicht als  selbstverständlich. Freut euch über was ihr lernt und verbreitet es. )
(Tim Minchin)

Wir sollten Bildung nicht als selbstverständlich erachten, sondern als wertvollen Beitrag zu unserer Persönlichkeitsentwicklung. Gleichzeitig ist es wichtig, Entwicklungsprozesse immer mit einem Blick auf sich selbst – auf den “Man in the Mirror” – zu beginnen. Dies gilt insbesondere auch für unseren institutionellen Lern- und Bildungsweg:
Warum entscheiden wir uns, Lehrer zu werden?
Welche Erfahrungen haben uns in unserer Schulzeit geprägt und wodurch haben wir uns verändert?
Was können wir rückblickend als positiv und was als negativ erinnern?
Welche Erinnerungen und Emotionen verbinden wir mit unseren eigenen Lehrern und unserem eigenen Lernen?

Bevor du nun weiterliest, möchten wir dich einladen, deinen eigenen Bildungsweg nun tatsächlich zu reflektieren. Und natürlich stellt sich dir bewusst oder unbewusst zusätzlich die Frage: „Welche Art von Lehrer möchte ich sein?“

Viele Studienanfänger, die sich entscheiden, Lehrer zu werden, haben in ihrer eigenen Schulzeit ein paar inspirierende Lehrer als Vorbild kennengelernt, die sie auf ihrem Weg begleitet haben. Diese Erfahrungen haben einen Einfluss auf die eigene Lehrerpersönlichkeit: “Der Lehrer war immer so entspannt mit uns, so möchte ich auch sein!” oder “Sie hat mit witzigen Beispielen erklärt – so möchte ich auch Unterrichten!” Doch vielleicht bilden auch eher negative Erfahrungen den Ausgangspunkt der Entscheidung zu einem Lehramtsstudium: “Ich werde es besser machen!” wird dann zum Grundgedanken, wenn man einige “schlechte” Lehrer in seiner Schulzeit erleiden musste. Aber im Grunde sind die meisten Menschen, die Lehrer werden wollen, von dem System “Schule” erst mal relativ überzeugt und haben keinen Anlass, dieses grundsätzlich zu hinterfragen. (Angehende) Lehrer sind die Gewinner dieses Systems!

Als wir selbst damit angefangen haben, auf Lehramt zu studieren, waren wir noch überzeugt vom derzeitigen Schulsystem und wollten Teil dieses Systems sein: Wir wollten Lehrer werden! Wir fanden unsere Schule und auch unsere Lehrer damals toll. Für uns hatte das einfach gepasst. Wir waren nie wirklich schlecht in der Schule: Wir arbeiteten engagiert und gut mit, erledigten Hausaufgaben, schnitten in Arbeiten und Tests gut ab, verhielten uns unauffällig, engagierten uns oft auch über den Unterricht hinaus in AGs oder Projekten und hatten folglich keinen Stress mit Lehrern oder der Schulleitung. Damit einher gingen auch gute Zeugnis- und Schulabschlussnoten. Es gab also nie wirklich einen Anlass, daran zu zweifeln, dass Schule so sein muss, wie sie ist – und nicht auch anders sein könnte!

Wieso sollte man etwas ändern, was bei einem selbst gut funktioniert hat?

Manchmal wird man – bestätigt durch den eigenen Erfolg und geprägt von lauter Gewohnheit – leider etwas betriebsblind: Was bei einem selbst erfolgreich funktioniert, muss nicht automatisch auch bei anderen gut sein. Jedes System, das Gewinner erzeugt, produziert automatisch auch Verlierer! Dabei muss es sich nicht zwangsweise um zwei unterschiedliche Personengruppen handeln, sondern möglicherweise auch um zwei Seiten einer Medaille (Möglicherweise sind wir selbst gar keine Gewinner des Schulsystems – trotz unseres Erfolges!): Haben wir in der Schule eigentlich wirklich etwas gelernt? Zugegeben: eine überspitzt formulierte, provokative Frage. Aber frag dich einmal, was du in der Schule gelernt hast? Letztlich erinnert man sich aus zwei Gründen an das Gelernte:

  • Wir erinnern uns an Dinge, weil wir sie mit inspirierenden Lehrpersonen in Verbindung bringen.

  • Wir erinnern uns an Dinge, die uns damals interessiert haben und die wir als sinnvoll für unser weiteres Leben erachten.

Denk einmal an ein Schulfach, in dem du mittelmäßig bzw. durchschnittlich warst oder das dich nie wirklich interessiert hat: Was weißt du davon wirklich noch? Versuche auch, dich an Unterrichtsstoff aus der siebten oder achten Klasse zu erinnern!
Viel von dem, was wir in der Schullaufbahn lernen sollten (oder besser: was uns eingetrichtert wurde), ist heute in unseren Köpfen leider nicht mehr präsent – das Wissen wurde kurzzeitig memoriert, der Funke (das Interesse, die Sinnhaftigkeit) sprang jedoch nie über. Lasst uns jetzt einen Schritt weiter denken: Was hätten wir in dieser Zeit alles wirklich lernen (oder besser: erfahren, erleben) können?

“Weil bei dieser Art von selbständigem Erschließen von Wissen etwas stattfindet, was wir inzwischen aus der Hirnforschung eben gelernt haben, was die Voraussetzung dafür ist, dass Wissen auch nachhaltig verankert werden kann […] Es muss dann nämlich, außer dass man Fakten liest oder hört, noch etwas hinzukommen: nämlich, dass es einen interessiert.” (Gerald Hüther im Film “Schools of Trust“)

Was John Dewey schon 1895(!) als eindringliche Botschaft formulierte, ist heute aktueller denn je:

“It is advisable that the teacher should understand, and even be able to criticize the general principles upon which the whole educational system is formed and administered. They are not like a private soldier in an army, expected merely to respond to and transmit external energy: they must be an intelligent medium of action” (John Dewey)

(Es ist ratsam, dass der Lehrer verstehen und sogar dazu in der Lage sein sollte, die allgemeinen Grundsätze, auf denen das gesamte Bildungssystem gebildet und verwaltet wird, zu kritisieren. Sie sind nicht wie ein Soldat in einer Armee, von dem nur erwartet wird, zu reagieren und Fremdenergie zu übertragen: Sie müssen ein intelligentes Medium des Handelns sein!)

Lasst eure eigene Schullaufbahn aus kritischer Distanz Revue passieren!
Verliert nicht aus den Augen, dass wir als Lehramtsstudierende die eigentlichen Gewinner des Schulsystems sind!
Denkt immer daran, dass alles, was augenscheinlich gut funktioniert, nicht automatisch auch gut für alle sein muss!

Schaut auf eure/n “Man/Woman in the Mirror”!

Heute wollen wir keine klassischen Lehrer mehr werden. Wir wollen Lernbegleiter oder noch besser Potenzialentfalter werden.

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