Unseren Senf

Was bleibt wirklich hängen?

Beobachtungen und Gedanken bei der Hausaufgabenbetreuung an einem Gymnasium

 

„Herr Schnell, können Sie mir genau erklären wie das mit der Linsenspiegelung funktioniert?“

Physik, 7. Klasse, Gymnasium. Thema Optik und Akustik. Ich schlucke. „Da müsst ihr mal nebenan fragen. Der Betreuer dort studiert Physik.“

Neben meinem Lehramtsstudium arbeite ich einmal in der Woche nachmittags an einem Freiburger Gymnasium. Zwei Stunden betreue ich die Kids in der Pause, dann helfe ich ihnen in einer kleinen Gruppe bei den Hausaufgaben. Das Klientel besteht aus Schülern der Unterstufe, 5. bis 8. Klasse. Inhaltlich sollte das wirklich machbar sein, denke ich mir und zumeist ist es das auch. Dennoch komme ich regelmäßig in die Bredouille und kann scheinbar einfachste Fragen nicht beantworten, da sich vor allem in den Naturwissenschaften Basiswissen völlig in Luft aufgelöst zu haben scheint. Wie zum Beispiel bei der Linsenspiegelung.

Im Kopf überschlage ich kurz: ein durchschnittlicher Schüler verbringt im Laufe seiner acht bis neun Jahre ca. 7500 Stunden auf dem Gymnasium (und dazu kommen noch die Stunden die mit Hausaufgaben und auf Arbeiten lernen verbracht werden) . Wie viel Wissen bleibt aus den verschiedenen Fächern nach all den da Jahren eigentlich hängen?

An meine eigene Schulzeit denkend, finde ich es ziemlich erschreckend, wie wenige Sachen ich mir persönlich gemerkt habe. Schon wenige Monate nach dem Mathe-Abi konnte ich meiner ein Jahr jüngeren Schwester bei ihrer eigenen Vorbereitung auf die Abschlussprüfung nichts mehr erklären. Obwohl ich selbst 12 Punkte geschrieben hatte. Ebenso konnten bei mir fünf Jahre Chemie und Physik komplett in die Tonne getreten werden. Außer der Formel v = s/t und marginalsten Kenntnissen über das Periodensystem ist da bei mir gar nichts hängengeblieben. Dabei erinnere ich mich lebhaft an einige Nachmittage, die ich vor dem Chemiebuch sitzend verbracht hatte oder ellenlange Formeln, die sich in meinem Physikheft auftürmten.

Anders dagegen war es mit den Sprachen. Französisch fand ich schon immer cool und sinnvoll, weil ich die Vorstellung faszinierend fand mit anderen Menschen in einer fremden Sprache zu kommunizieren. So kann ich mich auch fünf Jahre nach dem Abitur noch relativ flüssig unterhalten, auch wenn ich die Sprache danach eigentlich nie wieder richtig benutzt habe.

Was Lernpsychologen schon viel länger erkannt haben, hat rückblickend also auch bei mir zugetroffen: Nachhaltiges Lernen funktioniert eigentlich nur dann, wenn wir während des Lernprozesses positive Emotionen verspüren, sodass der Akt des Lernens zu einem Akt der Freude wird (u. A. Hirnforscher Gerald Hüther). Sprachen lernen begeistert mich bis heute und deshalb war auch Vokabellernen kein Problem für mich.  Mit Chemie und vor allem mit Physik konnte ich dagegen nie so richtig viel anfangen, sodass ich heute auch nichts mehr davon weiß.

Diese Erkenntnis trifft natürlich auch auf das Lernen außerhalb der Schule zu. Ich war mit sieben Jahren glühender Benjamin-Blümchen-Fan und konnte damals im Prinzip alle Folgen auswendig. Heute, ca. 16 Jahre später, kann ich immer noch jeder Kassette ihre spezielle Reihennummer zuordnen, weil sich dieses Wissen aufgrund der positiven Emotionen so unglaublich in mir festgesetzt hat.

Okay, Lernen funktioniert also scheinbar nur dann gut, wenn wir dabei den Lernprozess mit Freude erleben. Werfen wir nun mal einen Blick in ein paar Schulbücher einer ganz normalen Unterstufe eines Gymnasiums. Dort müssen sich die Schülerinnen und Schülern u. a. folgenden Fragen stellen:

  • Zu welcher Wortart gehören die Wörter „manche“ oder „dort“? (Deutsch, 5. Klasse)
  • Wie heißen die vier Mägen der Kuh? (Bio, 5. Klasse)
  • Wie unterscheidet sich der Aufbau des Klosters vom Aufbau einer Stadt? (7. Klasse)
  • Was ist der Unterschied zwischen Halbschatten und Kernschatten? (Physik, 7. Klasse)

Aufgabe an alle: wer von euch könnte die Fragen spontan richtig beantworten?

Wenn ihr euch jetzt nicht direkt angesprochen fühlt, seid ihr damit nicht alleine. Die Frage nach der Wortart beispielsweise beantworteten in einer Studie nicht einmal 88% der Germanistikstudenten richtig (nachzulesen in „Anna, die Schule und der liebe Gott“).

Zur Auflösung, „manche“ ist ein Pronomen und „dort“  ein Adverb. Ich studiere selbst Germanistik und hatte bis zu einem vertiefenden Seminar zum Thema „Syntax“ im letzten Semester keinen blassen Schimmer davon.

Mein Syntax-Professor wird jetzt sicherlich entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und eventuell kann man von Germanistikstudenten etwas mehr an Grammatikfachvokabular erwarten. Vielleicht stimmt aber auch meine Vermutung, dass es uns Menschen einfach völlig egal ist, wie diese beiden kleinen Wörter heißen, wir also bei diesem Prozess des Lernens einfach keine positive Emotionen verspüren und wir schon zufrieden sind, wenn wir sie einigermaßen sinnvoll in einen deutschen Satz einbauen können.

Wie soll nachhaltiges Lernen funktionieren, wenn Kinder sich gezwungenermaßen mit solchen Themen beschäftigen müssen? Sicherlich gibt es Schüler und Schülerinnen, die absolute Mittelalter-Fans sind und sich liebend gerne mit dem Aufbau eines Klosters beschäftigen. Für die große Mehrheit allerdings bleibt dieses Thema völlig uninteressant und ist und wird auch nie Teil der eigenen Lebenswelt sein. Schließlich wusstet ihr lieben Blog-Leser die Antwort sehr wahrscheinlich ja auch nicht.

Die Schlussfolgerung daraus lautet für mich: Wir müssen es als Schule schaffen, dass Kinder während des Lernprozesses Freude verspüren! Vorschläge und Ideen dafür gibt es zuhauf: mehr Mitspracherechte für Kinder bei der Auswahl der Lerninhalte, mehr fächerübergreifenden Unterricht, damit das gelernte Wissen nicht isoliert bleibt, Abschaffung von Noten, damit die Freude am Lernen nicht durch Leistungszwang verkümmert, mehr individualisiertes Lernen, und so weiter. All das, was eigentlich alle Leute sagen, die etwas von Pädagogik und Schule verstehen. Nur so ist gewährleistet, dass die Schüler das erlernte Wissen länger behalten und sie sich auch in späteren Jahren weiter gerne lernen. Diese Fähigkeit des „Lebenslangen Lernens“ ist gerade in unserer heutigen sich verdammt schnell drehenden Welt unabdingbar.

Zurück zur 7. Klasse in meiner Hausaufgabenbetreuung. Der Betreuer vom Klassenzimmer nebenan hat meiner Klasse die Linsenspiegelung halbwegs erklärt und meine Schüler haben die Antworten ergeben in ihr Heft gekritzelt. Ich schaue etwas skeptisch. Freude hatten sie nicht daran, sie sind eher erleichtert, in die warme Nachmittagssonne entfliehen zu können. Ich bin gespannt, ob sie in der nächsten Woche noch einen Plan von der Linsenspiegelung haben.

2 Kommentare

  1. Ein grosses Lob an den Autor dieses Beitrages mit grossem Wahrheitsgehalt. Ich kann die oben beschriebene Situation aus eigener Erfahrung ebenfalls mit Gymnasiumschülern aber auch mit Fachhochschulstudenten und Berufsschulschülern in der Schweiz bestätigen. Leider geht die Reformation der Schulsysteme gar nicht oder nur schleppend voran. Weil der Flaschenhals und Bremsklotz in diesem Prozess schwer greifbar und veränderbar ist, sehe ich obige Situation als Appell an die Selbstverantwortung der Lehrertätigkeit an. Zurück in die Zukunft zur Besinnung zu der ehrenhaften Aufgabe eines Wegbegleiters und Vorbild für jüngere Menschen, lernen als Lehrer, mehr Fragen stellend und Fehler zulassend, mehr inspirierend und experimentierfreudig zu agieren als belehrend und begrenzt einem unrealistischen und aufgestülpten Plan folgend. Das verlangt Mut zur Lücke und Vertrauen in die Schüler und Kooperation mit der Schulleitung und der Lehrerschaft. Ich bin überzeugt, dass so die Freude und Begeisterung am Lernen von scheinbar „uninteressanten“ Themen Schrittweise entsteht und das Selbstvertrauen und die Zufriedenheit der Schüler von innen heraus wächst.

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