Student hat Angst
Über das Leben

Wenn nur die 1* zählt. Oder: Von der Angst zu versagen

Mein Aufwachsen beschreibe ich immer gerne als „Astrid-Lindgren-Kindheit“. Ich bin in einem klitzekleinen Dörfchen inmitten ländlicher Idylle groß geworden. Meine Tage waren geprägt von Toben und Tollen in Wäldern, auf Spielplätzen und in den großzügig angelegten Gärten unserer

Kindheit ohne Angst
Meine sorglose Kindheit – geprägt von liebevollen Eltern und der Abwesenheit von meinen heutigen Ängsten.

Familien. Zu dieser Astrid-Lindgren-Kindheit trugen aber auch meine Eltern eine recht ansehnliche Portion bei. Obwohl ich mich mit dem stigmatisierten Titel „Scheidungskind“ schmücken darf, bin ich nicht in einem traumatischen Rosenkrieg großgeworden, sondern hatte zwei liebende, fürsorgliche Elternteile, die ungefähr 500 m Luftlinie weit voneinander entfernt ihr Häuschen bewohnten.

“Kuschelpädagogik” statt Druck und Angst

Aber ich schweife ab, wichtig hier ist eigentlich nur zu wissen, dass meine Eltern mich in einer Mentalität großzogen, die die oder der ein*e oder andere überkritische Nachbar*in (und davon gibt es auf dem idyllischen Ländle zu genüge) als „Kuschelpädagogik“ bezeichnet hätte und bestimmt auch hat. Diese Kuschelpädagogik beinhaltete unter anderem mich „mal machen zu lassen“. Ich durfte auf die höchsten Bäume klettern, und ich durfte stürzen. Und wenn ich stürzte, dann waren meine Eltern für mich da und federten den Schmerz ab. Bäume stehen hierbei für echte Bäume (blaue Flecken und aufgesprungene Knie olé) und für jene im übertragenen Sinne. Was ich mit dieser zugegebenermaßen recht platten Metapher sagen will ist: Meine Eltern haben einen fantastischen Job gemacht zu erkennen, dass man Kinder nicht zwingend in einer Tour fordern muss und künstlichen Leistungsdruck aufbauen muss, damit „was aus ihnen wird“. Und siehe da: Auch in einer Erziehung aus Vertrauen, Fehlern, und einer Umarmung statt einer Standpauke, wenn mal was schief ging, wurde was aus mir. Meine Oma würde sagen: „Mensch, dat Sarah* is‘ ja doch noch gelungen“.

Angst davor, zu versagen

Die Landidylle habe ich hinter mir gelassen. Ich lebe jetzt im wilden und aufregenden Berlin und gehe einem soliden, aber weniger wilden und aufregendem Job in der IT Branche nach. In der wenigen Freizeit, die das Hamsterrad des Kapitalismus so überlässt, versuche ich noch ein ehrenamtliches Engagement für Frauenrechte zu jonglieren.
Ich könnte die Geschichte hier enden lassen und wir alle wären froh, dass es mir so gut ergangen ist. Aber, ihr ahnt es schon: in meiner Erzählung bis hier habe ich nur die halbe Wahrheit geschildert. Auf meinem Weg bis zum hier und jetzt, wurde ich von einer ständigen Angst begleitet. Die Angst davor, es nicht zu schaffen. Die Angst davor, nicht gut genug zu sein. Die Angst davor, nicht die Beste zu sein. Die Angst davor, neben anderen unterzugehen. Die Angst davor, zu versagen. Die Angst davor, etwas zu wagen. Die Angst davor, mir etwas zuzutrauen.
Schon sehr lange begleitet mich der Gedanke: „Was wenn es nicht reicht?“. Zugegebenermaßen, der Gedanke war Motor dafür, dass ich sowohl Abitur, als auch Bachelor und Master mit Bestnote abgeschlossen habe. Diese Angst (oder Sorge?) hat mich angetrieben, mehr zu schaffen, als ich selbst je geglaubt hätte. In Retrospektive würde ich allerdings mit Nachdruck behaupten – und jede, die mich mal live bei Lernphasen begleitet hat, würde das unterstreichen -, dass mein Lern- und Arbeitsverhalten ziemlich ungesund war. Beim Lernen hatte ich immer Angst, dass es nicht reicht. Ich die Klausur nicht bestehe. Lernen auf Lücke? Ein Fremdwort für mich. Ich lernte immer 180% – immer mit dem Gefühl: Es reicht einfach nicht.

Kategorie “nicht geschafft”

Nach den preußischen Gehorsams-Prüfungen (60 Minuten Fakten auskotzen) war ich mir grundsätzlich sicher, es nicht geschafft zu haben, um dann mit klopfendem Herzen und regelrechter Übelkeit meine Ergebnisse Wochen später zu laden. Dazu sei gesagt, dass für mich alles schlechter als die 1, oder die 13 Punkte oder die 90% in die Kategorie „nicht geschafft“ fiel. Das allein klingt ja schon ziemlich absurd, es wird nur noch absurder, wenn ich mir die Monate und Wochen vor diesem Moment anschaue. Für 3 Monate brach mein Sozialleben ein, ich hatte regelmäßige Panikattacken, schlief maximal 5 Stunden am Tag, lernte dann von neun Uhr am Morgen bis drei Uhr in der Nacht durch, keine Pausen. Meine Lernmaterialien kamen mit mir in die Dusche und die Karteikarten durften beim Kochen auch nicht fehlen (wenn ich denn mal ans Essen dachte) und das was ich aß landete dann auch mit Präzision eine halbe Stunde später wieder im Klo. Das alles natürlich vollgepumpt mit Ritalin.

Wofür das Ganze eigentlich?

Wenn ich das heute so niederschreibe, bekomme ich selbst im überhitzen Bahnabteil der deutschen Bahn (ehrlich: hier ist auch entweder Eiszeit oder tropische Hitze, oder?) Gänsehaut. Ich muss mich ehrlich fragen: Wofür das

Warum die Angst?
Wofür das Ganze eigentlich?

Ganze eigentlich? Es ist ja nicht so, dass mich jemals jemand gefragt hat: „Toll, schön dich kennenzulernen. Welchen Abi-Schnitt hattest du denn so?“. Nicht mal bei Bewerbungsgesprächen übrigens. Apropos Bewerbungsgespräche. Hier ging die ganze Nummer gleich weiter. Quervergleiche und (zu) viele Absagen taten ihr übriges mich wieder zurück in die Negativspiralen aus Angst und Panik zu versagen, zu enttäuschen, unterzugehen, zu katapultieren. Ich kotzte mein Essen wieder aus, trank zu viel Alkohol und weinte wieder viel, viel zu viel. Meine Eltern waren in dieser Zeit mein Anker, und mein Rettungsboot.

Der Realitätscheck

Naja, jetzt geht’s ja wieder. Hab‘ ja einen Job gefunden. Aber selbst jetzt wo ich keinen schulischen oder akademischen Leistungsdruck mehr spüre, ist die Angst geblieben. Das Narrativ hat sich jedoch etwas geändert. Aus der Angst zu versagen, ist das Gefühl entstanden, bereits versagt zu haben. Festgefahren in einem anspruchslosen Job, mit mittelmäßigem Gehalt, bei einer Firma, die keiner kennt. Besonders zufriedenheitsfördernd sind solche Gedanken natürlich nicht. Ich nerve mich auch zunehmend selbst damit. Aber es wird besser, ich habe Rituale gefunden, mit diesen Sorgen umzugehen. Wann immer mich diese Gedanken übermannen, stelle ich eine „Soll und Haben“-Bilanz meines Lebens auf. So schaue ich mir an, was ich alles bereits so geschafft habe, was gut läuft in meinem Leben und für was ich dankbar sein kann. Wenn jedoch alles nichts hilft, dann habe ich gelernt, „Schwäche“ (ist es ja nicht wirklich) zuzugeben und zu sagen, dass

Angst nehmen lassen
Lass dir, durch Gespräche mit Freunden und Verwandten, einen Teil deiner Ängste und Zweifel nehmen.

ich es alleine nicht schaffe, dass ich Hilfe brauche. In dem Falle rufe ich dann eine Freundin, meine Mutter oder meinen Bruder an und frage aktiv nach Zuspruch und hole mir meine Portion „aufgepäppelt werden“ ein. Denn zu oft verliere ich mich in meinem hyper-kritischen Selbstbild, da kann so ein Realitätscheck von außen helfen, durch den Tag zu kommen.
Jetzt hab ich den Faden wieder verloren. Tut ganz schön gut, dass alles mal niederzuschreiben. Ich glaube, was ich sagen will ist, dass diese Gedanken mich vermutlich für immer begleiten werden. Ich lerne aber, dass Sie genauso wie meine Essstörung ein Teil von mir sind, ein Stück meiner so einzigartigen Person. Ich lerne, dass ich damit umgehen kann. Ich lerne, diese Gedanken einzuordnen, ihnen ihr lähmendes Gewicht zu nehmen. Und Stück für Stück werden diese Gedanken leiser, und mir geht es Stück für Stück besser.

Ihr fragt euch, wie all das begann? Ziemlich banal. Elternsprechtag. Englischlehrer. Sechste Klasse. Und dann der Kommentar zu meiner Mutter: „Ihre Tochter wird es schwer haben, ihren Schulabschluss zu schaffen“. Eingebrannt. Nie wieder vergessen.
Manchmal frage ich mich, was gewesen wäre hätte ich diesen Satz nie gehört. Vielleicht wäre ich jetzt kein Master of Science cum laude. Vielleicht doch. Vielleicht ja sogar ohne Essstörung, ohne Panikattacken und ohne die Angst davor, irgendwann mir wieder zu sagen: „Sarah*, du hast versagt“. Vielleicht auch nicht. Aber eines ist sicher, ich hätte darauf verzichten können, so früh entmutigt zu werden.

*Name geändert

Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt. Sie möchte anonym bleiben.

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Intrinsische Motivation reicht!

Intrinsische Motivation alleine reicht nicht

1 Kommentar

  1. Und solche Lehrer gehen ungestraft weiter durch’s Leben und begehen weiterhin kriminelle Straftaten, indem sie Kinder/junge Leute zerstören und fühlen sich möglicherweise auch noch heldenhaft dabei. Und Eltern sind gesetzlich verpflichtet, ihre Kinder solchen Kriminellen auszuliefern.

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