Eigenverantwortung in der Gemeinschaft.
Pause mit Patrick

Von jemandem, der auszog, um sich von der Eigenverantwortung Jugendlicher irritieren zu lassen

Jugendliche Eigenverantwortung und Motivation
Die Motivation und das Verantwortungsgefühl seiner Schüler*innen beeindruckt Patrick immer wieder aufs Neue.

Wenn ich mir als erwachsene Person Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren vorstelle, denke ich meist an Heranwachsende mit wenig Eigenverantwortung, die ihre wertvolle Zeit lieber verschwenden, als sie sinnvoll zu nutzen. Auch heute denke ich noch oft daran, wie gerne ich damals bis 12 oder 13 Uhr geschlafen habe und wie unmotiviert ich war, mich in meiner freien Zeit mit etwas anderem zu beschäftigen als mit Chats und Videospielen.

Dieses Bild von Heranwachsenden ohne Selbstverantwortung wurde vor kurzem kräftig durcheinander geschüttelt:

Ich unterrichte momentan fünf Schüler*innen in einem Deutsch Abschlusskurs. Der Kurs dient dazu, die Schüler*innen auf die Mittlere Abschlussprüfung vorzubereiten. Ich gab meinen Schüler*innen die Aufgabe, den Roman ‚Ankunft im Alltag‘ von Brigitte Reimann zu lesen. Dazu sollten sie eine mindestens zweieinhalbseitige ‚Ich Charakterisierung‘ zur      Hauptfigur verfassen. Sie hatten drei Wochen Zeit. Die ersten zwei Wochen haben sie jedoch das gemacht, was ich in  ihrem Alter vermutlich auch gemacht hätte: Nichts. Erst fünf Tage vor Abgabe wurde ihnen bewusst, dass sie diese Aufgabe ja auch noch zu erledigen hatten. An diesem Punkt ist nun in meinen Augen etwas sehr Überraschendes passiert: Ich bot ihnen an, eine Ich-Charakterisierung nicht zur Hauptfigur des Romans zu verfassen, sondern zu einem Protagonisten aus einer Kurzgeschichte, die sie bereits behandelt hatten. Ichwusste, dass sie im Roman bislang nur bis Seite 40 oder 50 gekommen waren und die Lektüre insgesamt ziemlich langweilig fanden. Wären sie auf mein Angebot eingegangen, hätten sie sich also mindestens die weitere Lektüre erspart. Doch nach einer kurzen Beratungsrunde entschieden sich alle fünf Schüler*innen, an der ursprünglichen Aufgabe festzuhalten – mit  folgender Begründung: Sie seien ja selbst daran ‚Schuld‘, dass sie bislang so gebummelt hätten. Nun müssten sie sich halt einfach mal dran setzen und es fertig bringen.

Von jugendlicher Eigenverantwortung irritiert 

Eigenverantwortung bei Kindern
Durch Eigenverantwortung im jungen Alter, lernen die Schüler*innen früh, eigene Prioritäten zu setzen.

Ich war in diesem Moment ziemlich irritiert. Denn ich bin beim bestem Willen nicht davon ausgegangen, dass ein derart verlockendes Angebot (Ok! Vielleicht übertreibe ich an dieser Stelle etwas) von den Schüler*innen tatsächlich abgelehnt werden würde. Gleichzeitig war ich ziemlich beeindruckt – schließlich durfte ich live dabei sein, wie junge Menschen plötzlich aktiv Verantwortung für ihr Handeln und letztlich für ihren Lernprozess übernehmen.

Eigenverantwortung in einer Schulversammlung
Nicht nur im Unterricht, sondern auch in der Schulversammlung übernehmen die Schüler*innen Eigenverantwortung.

Aber warum bürden sich meine Abschlusschüler*innen freiwillig mehr Arbeit auf? Sind sie vielleicht verantwortungsbewusster als ihre gleichaltrigen Mitschüler*innen an Regelschulen?

So pauschal lässt sich die Frage natürlich nicht beantworten. Es wäre vielmehr ein gutes Thema für eine empirische Doktorarbeit. Dennoch gibt es aus meiner Perspektive ein zentrales Argument, welches für diese These spricht:

 

Der ‚Innere Takt‘

Unsere Schüler*innen sind dem schulischen Leistungsdruck erst relativ spät ausgesetzt. Erstens durch die freie Struktur in der Primaria. Zweitens durch die Möglichkeit in der Sekundaria und Tertia, sich für Kurse abmelden zu können, wenn es einem gerade zu viel wird (oder andere Sachen gerade wichtiger sind). Dadurch haben die Kinder und Jugendlichen die echte Chance, eigene Prioritäten zu setzen und Stresssituationen zu managen. Wenn ich mich an meine Regelschulzeit erinnere,  hatte diese Chance leider nicht. Ich war ein vielfältig interessiertes Kind und konnte mich stundenlang in Themengebiete vertiefen -insofern sie mich denn interessierten. Und so kam es vor, dass ich im Geschichtsunterricht über 90 Minuten gefesselt ein Kapitel über den Imperialismus gelesen habe, obwohl das Stundenthema die französische Revolution war. Im Regelschulsystem konnte ich meine intrinsischen Neigungen kaum ausleben; hauptsächlich deshalb, weil meine eigenen Interessen und Themen nicht mit dem im Kerncurriculum vorgesehenen Takt übereinstimmten.

Freiraum fördert Eigenverantwortung

Eigenverantwortung durch Freiraum
Durch den Freiraum, den eigenen Lernprozess aktiv mitgestalten zu können, übernehmen die Schüler*innen gerne Selbstverantwortung.

Unsere Schüler*innen haben derweil den Freiraum, ihren Interessen und Neigungen nachzugehen. Sie werden nicht gezwungen, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt mit einem Thema auseinanderzusetzen. Sie tun es – gerade in den höheren Jahrgängen – dann oft aber doch. * Die Tatsache, dass die Kurse freiwillig sind, versetzt die Schüler*innen in die Lage, Eigenverantwortung für ihren eigenen Lernprozess zu übernehmen. Lernen und damit zusammenhängend die schulischen Anforderung sind dadurch plötzlich keine abstrakte Gängelei mehr, der man sich möglichst zu entziehen versucht. Sondern sie sind viel mehr ein Angebot, mit deren Hilfe man seinen eigenen Lernprozess und seine eigenen schulischen Ziele verwirklichen kann. Aus der Möglichkeit, das Angebot ablehnen zu können, nimmt der*die Schüler*in eine aktive Rolle ein. Er ist nicht länger passiver Rezipient eines ihm fremd anmutenden staatlichen Kerncurriculums. Aus dieser Erfahrung heraus wird es ihm möglich, freiwillig mehr zu tun, als er eigentlich müsste.

Traurig, dass mich diese Haltung immer noch irritiert.

 

Die Eigenverantwortung seiner Schüler*innen lässt Patrick immer wieder staunen.
Patrick ist Lernbegleiter an einer Freien Schule in Niedersachsen. Hier berichtet er wöchentlich über seine Erlebnisse.

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu Patricks letztem Artikel: Von jemandem, der auszog, um Parlamentspräsident zu werden

7 Kommentare

  1. Hallo Patrick,

    das ist ein sehr interessanter Beitrag! Genau in diesem Zusammenhang beschäftigt mich schon lange eine Frage. Seit Jahren schon verfolge die Vorträge von Prof. Gerald Hüther mit seinem Credo für Potenzialentfaltung und seiner damit verbundenen Kritik am Regelschulsystem mit Notendruck, Konformitätsdruck und dergleichen weiterem Druck.
    Die demokratischen Schulen scheinen nun ja tatsächlich Ernst zu machen mit solchen Konzepten, wie sie u.a. Gerald Hüther im Sinne der Potenzialentfaltung gerne verwirklicht sehen würde. Jetzt frage ich mich natürlich: Merkt man denn nun wirklich konkret einen Unterschied bei den Schülern von demokratischen Schulen zu Schülern von Regelschulen? Nach allem, was ich weiß und beobachtet habe, müsste es so sein: Schüler, die ein „Lernen in Freiheit“ genießen dürfen, müssten demgemäß „stärker“ sein hinsichtlich Lernen aus eigenem Antrieb (intrinsisch motiviert), sie müssten vorbehaltlos kooperativ sein, sie müssten sehr empathisch sein, sie müssten locker Perspektivwechsel vollziehen können und von daher auch recht kreativ sein, sie müssten sehr verantwortungsvoll sein; sie müssten in verschiedener Hinsicht stärker ihr Potenzial entfalten können bzw. es am Ende der Schulzeit entfaltet haben, weil sie ja diese günstigeren Bedingungen ja konkret erleben. Solche Kinder und Jugendliche müssten also in einem positiven Sinne „anders drauf“ sein .
    Normalerweise müsste man ja davon ausgehen, dass das schon längstens wissenschaftlich untersucht ist, was denn die Wirkung eines „Lernens ohne Druck“ ist auf die mentale Befindlichheit und das Bewusstsein ist, aber man tut sich schwer, da etwas Konkretes und Fundiertes zu finden. Ich finde nämlich, dass das eine ganz, ganz wichtige Frage ist.
    Würdest du meine Beobachtungen denn teilen?

    Christian Stadler

    1. Hallo Christian,
      wir sehen an unserer Schule tatsächlich Tendenzen in der Charakterentwicklung der Schüler*innen, die in die von dir beschriebene Richtung gehen. Auch aus meiner persönlichen Erfahrung heraus habe ich das Gefühl, dass “unsere” Schüler*innen am Ende ihrer Schulzeit bei uns im Vergleich zu gleichaltrigen Regelschüler*innen tatsächlich entspannter, ausgeglichener, fokussierter, motivierter und verantwortungsvoller sind. Das ist aber nur eine subjektive Einschätzung und Tendenz. Insgesamt kann ich diedie von Hüther beschriebenen positiven Effekte nicht vorbehaltlos bei allen älteren Schüler*innen erkennen. Es spielen meiner Meinung nach zu viele andere Faktoren in der Entwicklung des Kindes und Jugendlichen (Hormonhaushalt, genetische Dispositionen, Elternhaus, Erfahrungen, Peergroup usw.) eine Rolle. Auf diese Parameter hat die Schule keinen oder nur einen extrem eingeschränkten Zugriff oder auch Einfluss. Dementsprechend übersteigt es die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Institution Schule, einen derart gravierenden Einfluss auf die Persönlichkeit von Heranwachsenden auszuüben. Wir können als Schule nur bestimmte Persönlichkeitsmerkmale entweder “abmildern” oder “stärken” – “Vorhandenes” aber nicht komplett überschreiben oder ersetzen.
      Wir bekommen aber tatsächlich oft von anderen Schulen, die unsere Abschlussschüler*innen übernehmen, die Rückmeldung, dass sie wirklich Super Persönlichkeiten sind und sich in mehrfacher Hinsicht von ihren Mitschüler*innen unterscheiden. Aber ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass alle Abschlussschüler*innen diese von Hüther beschriebenen Eigenschaften besitzen oder bei uns in dem Grad entwickelt haben.

      1. Hallo Patrick,
        Ok, es ging mir tatsächlich erst mal nur um eine Tendenz. Klar ist die Schule nur ein Teilbereich unserer Gesellschaft und kann andere Einflüsse nicht ungeschehen machen. Aber es wäre ja mal ein Anfang in die richtige Richtung. Hüther sagt das übrigens so nicht. Hüther möchte nur erstmal einfach güngstige Bedingungen für Potenzialentfaltung verwirklicht sehen. Er sagt eigentlich ja nur immer, was zu beobachten ist, wenn noch kein Potenzial entfaltet ist Er kritisiert also den Ist-Zustand und bezieht sich dabei vor allem auf die Zustände an Regelschulen (die ich, genau so wie er es kritisiert, auch erlebt bzw.. empfunden habe). Oft sagt er dann: Obwohl die Leute super Noten haben (Abschnitt 1,x) bringen sie es dann eigentlich nicht bei Fähigkeiten, die die Noten nicht messen können, die aber in Zukunft wichtig sein werden. Z.B. Kreativität, Vernetztes Denken und Kooperationsfähigkeit. Auch kritisiert er generell zu enges Denken das durch die normalen Verhältnisse provoziert wird und er spricht von „Pflichterfüllern“, die das bisherige System hervorbringe: Leute, die sich dann im Arbeitsleben mit ihren 9-to-5-Jobs zufrieden geben und immer nur auf Anweisungen re-agieren, statt auch mal Eigenintitative zu zeigen. Das Problem ist halt: Unser System will es ja so, von der Schule bis ins Arbeitsleben hinein. Wirklich kreative Menschen sind ja gar nicht erwünscht, weil die unbequem sind, weil sie nicht in die Schablonen passen…wollen. Das ist etwa das ganze Credo der Kreativitätsexpertin Nathalie Bromberger (sie hat auch eine Webseite). Den Umkehrschluss, „wie es denn wäre wenn…“, den habe ich mir selber abgeleitet, auch unter Berücksichtigung noch anderer Erkenntnisbereiche. Und es ist ja auch klar: Die schöneren Bedingungen alleine bringen es natürlich auch noch nicht. Man muss sie natürlich auch konstruktiv nutzen. Also ich danke dir schon mal sehr für deine Einschätzung!

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