Projekt
Pause mit Patrick

Von jemandem, der auszog, um Parlamentspräsident zu werden

Eine neue Kolumne auf dem Blog von Schools of Trust. Patrick ist Lernbegleiter an einer Freien Schule in Niedersachsen und berichtet ab jetzt wöchentlich von seinen Erfahrungen.

 

Ein neues Projekt an unserer SchuleProjekt

Vor einigen Wochen hatte ich plötzlich drei neue Jobs: Ich war Parlamentspräsident, Präsident der Landesbehörde für Versorgung und Besoldung sowie selbstständiger Anwalt. Leider war mein Einkommen erstaunlich gering – meine Arbeitsbelastung dafür umso höher. Aber das hat mich nicht groß gestört. Schließlich konnte ich mir von meinen 30 bis 60 Qualities Einkommen am Tag immer mindestens eine Pizza, ein Brötchen oder eine Pommes sowie ein Kaltgetränk leisten. Meine Grundbedürfnisse wurden somit ausreichend befriedigt. An besonders guten Tagen war sogar noch Geld für ein Henna-Tattoo und ein selbstgeknüpftes Armband drin. Fünf Tage lang war ich ein mehr oder weniger hochqualifizierter Multijobber, bis sich der Staat (in dem ich mich während dieser Zeit befand und für den ich größtenteils arbeitete) wieder auflöste und damit Platz für das Alltagsleben an der Freien Schule machte.

 

ProjektEin Staat namens ‚Quality Land‘

Das mir dieser fünftägige Einblick in die Welt der Juristerei und der Staatsverwaltung nun möglich war, verdanke ich weder meiner besonderen Qualifikation, meinen Fähigkeiten, noch meinem Engagement, sondern vor allem der Initiative eines neunjährigen Schülers. Paul* hat dieses Projekt gewissermaßen an unsere Schule gebracht. In den Sommerferien hatte er an einem ganz besonderen Projekt teilgenommen, welches auch an einigen Regelschulen durchgeführt wird und oft unter dem Begriff ‚Schule als Staat‘ fällt. Die Idee hinter diesem Projekt ist simpel: Für einen begrenzten Zeitraum verwandelt sich eine Schule in ein eigenständiges Staatengebilde – mit eigenen politischen und staatlichen Institutionen, einer eigenen Währung sowie eigenen Unternehmen und Betrieben.

Ein ganzheitlicher Ansatz

Alle Mitarbeiter*innen und Schüler*innen streifen während dieser Woche ihre herkömmlichen Rollen ab und suchen sich im Staat neue Rollen und Aufgaben: Sei es als selbstständige*r Inhaber*in einer Bäckerei, als Polizist*in, Regierungschef*in, Parlamentarier*in, Straßenmusiker*in, Zeitungsredakteur*in usw. Die Teilnehmenden verdienen dadurch Geld und können sich damit wiederum in der Woche ‚über Wasser halten‘. Der Ansatz des Projekts ist ganzheitlich : Über das tatsächliche ‚Erleben‘ und das  damit verbundene Lösen von Problemen in der Simulation werden vielfältige Lern- und Entwicklungsprozesse angestoßen. Lern- und Entwicklungsprozesse, die ich des Öfteren auch an mir selber erfahren habe.

 

 

Eine drohende StaatspleiteProjekt

So war mir beispielsweise trotz meines Studiums des Fachs Politik-Wirtschaft die Funktionsweise eines Geldkreislaufs in einer Volkswirtschaft nie so ganz klar geworden. Und auch wenn mir Inflation durchaus ein Begriff war, habe ich nie wirklich verstanden, warum die willkürliche Erhöhung der Geldmenge zu massiven Problemen führen kann. Als am dritten Tag jedoch die Staatspleite drohte, da der Staat seinen riesigen Apparat mit Hilfe des stattlichen Mehrwertsteuersatzes von 30% nicht ausreichend finanzieren konnte, wurde mir das grundlegende Problem erst wirklich bewusst. Die erste und sehr naive Lösungsidee: ‚wir drucken einfach mehr Geld und geben es den Staatsangestellten‘, hätte im schlimmsten Fall dazu geführt, dass diese Staatsangestellten zwar mehr konsumieren und der Staat über die Mehrwertsteuer auch wiederum mehr Einnahmen erzielen, die Waren in unserem zentralen Warenlager dadurch aber auch stärker verbraucht werden würden. Wäre das passiert, hätten wir neue Waren mit unseren Euros einkaufen müssen. Nur leider verfügten wir nur über ein begrenztes Euro-Budget. Wir durften den Konsum also nur dann dauerhaft steigen lassen, wenn wir zusätzliches ‘Echtgeld’ einnehmen würden.

 

Ein unerwarteter Wirtschaftsaufschwung

Glücklicherweise ließ sich das Problem über mehrere Maßnahmen lösen. Zunächst verschuldete sich unser Staat mit 700 Qualities (mit einem Wert von 70 Euro) bei der staatlichen Quality Land Bank. Damit konnten die Staatsangestellten entsprechend des gesetzlich festgelegten Mindestlohns von 20 Qualites pro Stunde entlohnt werden. Der Staat verpflichtete sich daraufhin, den Kredit am Ende der Woche zurückzuzahlen. In einer parlamentarischen Eilsitzung wurde danach beschlossen, den Mindestlohn für Staatsangestellte auf 15 Qualities pro Stunde zu senken sowie den Polizeiapparat umstrukturieren. Statt allen Polizist*innen ein volles Gehalt unabhängig der geleisteten Stunden auszuzahlen, bezahlten wir sie schließlich nur für ihre Schichten. Das machte einen großen Unterschied, denn am ersten Tag gab es allein 15 vollbeschäftigte Polizisten bei einer Teilnehmendenzahl von 120.

 

Der Laden boomt wieder

Projekt
Wie im normalen Schulalltag werden in Quality Land Probleme gemeinsam diskutiert

Am dritten Tag öffneten wir unseren Staat für ‚ausländische‘ Besucher*innen und ließen sie ihre Euros in Qualities (der Wechselkurs war 1 zu 10) umtauschen. Dies hatte zur Folge, dass unser Eurobudget kräftig wuchs sowie der Konsum an nur einem Nachmittag massiv anzog.  Die Läden und Betriebe verzeichneten Rekordgewinne, konnten ihre Schulden zurückzahlen sowie ihre Mitarbeiter*innen zum ersten Mal ordentlich entlohnen. Über die Mehrwertsteuer machte auch der Staat Gewinn und war nun nicht nur in der Lage, seine Schulden zu begleichen, sondern darüber hinaus auch ein Konzert zu subventionieren sowie ein Cafe aus einer finanziellen Notlage zu befreien. Durch den Geldsegen am dritten Tag waren die meisten Teilnehmenden derart flüssig, dass sie für die nächsten zwei Tage gut konsumieren konnten – was wiederum den Betrieben und wieder den Angestellten und dem Staat zugute kamen. Am letzten Tag gelang es letztlich allen Betrieben und Privatpersonen, ihre Kredite und Schulden bei der staatlichen Bank von Quality Land zu begleichen.

Nach der Woche stand für alle Beteiligten fest: Das wollen wir unbedingt bald wiederholen. Es war eine bemerkenswerte Erfahrung, in die Schule zu kommen und überall Kinder und Erwachsende zu sehen, die mit einer ganz besonderen Ernsthaftigkeit und Leidenschaft ihren Geschäften und Vorhaben nachgingen. Und so kann ich kaum erwarten, im nächsten Jahr wieder ein derartiges Projekt an unserer Schule umzusetzen. Dann vielleicht mit einem bedingungslosen Grundeinkommen.

*geänderter Name

 

Projekt
Patrick ist Lernbegleiter an einer Freien Schule in Niedersachsen. Hier berichtet er wöchentlich über seine Erlebnisse.

 

Zu Patricks letztem Artikel: Von Jemandem, der plötzlich Zeit hatte, um Pflaumen zu naschen

 

 

 

Hier folgen nun ein paar weitere Informationen für Interessierte, die überlegen ein solches Projekt an ihrer eigenen Schule durchzuführen:

Ein lebendiger Staat

In den Nachbesprechungen kamen sowohl wir als Lernbegleiter*innen als auch die Schüler*innen zu dem Ergebnis, dass dieses Projekt unbedingt regelmäßig wiederholt werden muss. Und auch von Elternseite gab es neben einigen kritischen Anmerkungen auch sehr viel Lob und Unterstützung. Insofern kann man diese Woche als einen Erfolg und eine Bestätigung für die Wirksamkeit umfassender Projekte werten. Dennoch kam von Elternseite immer wieder ein ganz bestimmter Kritikpunkt auf, der definitiv seine Berechtigung hat. So spannend diese Woche auch war, so hinterließ sie jedoch einen fahlen Beigeschmack. Denn unsere Schüler*innen waren einer Woche lang einem turbokapitalistischen und zutiefst neoliberalen System ausgesetzt, in dem es weder Sozialhilfe noch andere Unterstützungsleistung gab. Und in dem einige Teilnehmende sehr viel Geld hatten, während sich andere kaum etwas zu Essen leisten konnten. Fast schon folgerichtig gab es am zweiten und dritten Tag eine große Anzahl kleinerer Diebstähle und illegaler Geschäfte ( so wurde Tee illegal auf dem Schwarzmarkt gehandelt). Die Politik reagierte, indem sie eine Tafel mit kostenlosen Obst einrichtete und auf einer „Volksvollversammlung“ dazu aufrief, sich Arbeit zu suchen, wenn man nichts zu essen hätte – was mich wiederum stark an die Sozialstaatsreformen der 2000er erinnerte.

 

Mal andere gesellschaftliche System ausprobieren

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen gab es deshalb von Eltern- und auch von Lernbegleiterseite nach dem Projekt den Wunsch, auch andere gesellschaftliche Systeme auszuprobieren, die ein egalitäreres und gerechteres Gesellschaftsleben ermöglichen könnten. Und auch wenn ich die Einschätzung teile, so bin ich aber doch froh, dass unser erstes „Staatsprojekt“ einige der Missstände und Fehlentwicklungen, aber auch Leistungen und Vorzüge unseres Gesellschafts- und insbesondere Wirtschaftssystems abbildete. Denn auf dieser Grundlage werden Schüler*innen direkt mit realen Problemen unserer Gesellschaft konfrontiert und sind dazu angehalten, selbstständig nach tragfähigen Lösungen zu suchen. Gleichzeitig bietet diese Form des „Selbst- Erlebens“ natürlich vielfältige Möglichkeiten für Lernprozesse aller Art.

Auch für jüngere Kinder geeignet

Besonders beeindruckt hat mich gerade bei den jüngeren Kindern dementsprechend die Art und Weise, wie sie ihre Läden und Geschäfte führten. Es gab fast nie einen Chef oder eine*n Vorgesetzte*n. Die Gewinne wurden gleichmäßig an alle Mitarbeiter*innen ausgeschüttet. Viele Läden wurden die ganze Zeit über pflichtbewusst besetzt – und trotzdem hatten  auch die Angestellten immer wieder die Möglichkeit, eine Pause zu machen und sich an anderen Ständen und Läden etwas zu kaufen. Trotz der vielen Diebstähle gab es unter den Kindern kaum Konflikte oder Streitereien. Die allermeisten waren die ganze Zeit sehr beschäftigt und zuallererst darauf fixiert, ihre vielfältigen Unternehmungen erfolgreich umzusetzen.

 

 

 

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