Demokratische Schule Freie Schule - Freies Selbst?

Spiel, Spaß und das Simple Past

   Kolumne, Teil V

Acht Schulen. Ein Monat. Tabea erzählt von der Summer Tour 2018

Ding Dong. „In wenigen Minuten startet Englisch für Fortgeschrittene im Raum ULLA.“ schallt es durch die Lautsprecher der INFINITA, einer Freien Demokratischen Schule in Schleswig-Holstein. Sebastian sitzt im Klassenraum und wartet — auf seine Schüler. Freiwilligkeit bedeutet auch, dass manchmal niemand zu seinem Englisch-Angebot kommt. „Mal schauen… heute ist gutes Wetter.“ sagt er sich. Da spielen die Schüler meistens lieber draußen im Garten als sich mit einer Sprache zu beschäftigen. 

Draußen auf dem Spielplatz geht die Post ab

Sebastian ist Lernbegleiter und gewählter Schulleiter an der INIFNITA. Er wirkt ruhig. Macht sich keine Sorge über die Anzahl der Schüler, die gleich kommen wird. Geht nochmal in Ruhe seine vorbereiteten Arbeitsblätter durch. Fährt sich durch seine langen Haare. Schaut kurz aus dem Fenster zu den spielenden Kindern.

Plötzlich geht die Tür auf. Ein etwa zehnjähriger Junge stolpert herein: „Sebastian, ich will Englisch lernen!“ Sebastian zieht seine Augenbrauen hoch. Er weiß, dass Leo noch nie in dem Englisch für Anfänger Kurs war. Sebastian zuckt leicht. Öffnet seinen Mund. Doch bevor er sagen kann, dass dies vielleicht der falsche Kurs für Leo ist, schließt er ihn wieder. Stattdessen drückt er Leo ein Buch in die Hand. 

Selbstbewusst fängt Leo an zu lesen. „This is the story of a young witch.“ „Was heißt das übersetzt?“ fragt Sebastian. „Das ist die Geschichte einer jungen Hexe.“ — die hochgezogene Stirn von Sebastian senkt sich langsam wieder. Seine Augen werden etwas kleiner. Er scheint nachzudenken. „Kannst du den nächsten Satz auch vorlesen und übersetzen?“ „Klar!“

Sebastian ist Lernbegleiter mit Leib und Seele

Sebastians skeptischer Gesichtsausdruck hat sich in ein überraschtes Staunen verwandelt. Leo verfügt über einen großen Wortschatz. Er versteht fast alles, was auf dem Buchrücken steht. Weiß sogar, dass das „-ed“ am Ende eines Wortes die Vergangenheit bedeutet. Obwohl er nie in Englisch unterrichtet wurde, ist er bereits auf dem Level eines Sechstklässlers auf dem Gymnasium. Wie ist das möglich!? 

„Ich habe mir alles selber beigebracht.“, erzählt Leo stolz. Mit einem Spiel. Einem ganz normalen Kartenspiel namens Magic. Den Englisch für Anfänger Kurs kann er damit ohne Sorgen überspringen. Leo hat einfach gespielt. Dabei hat er sich „aus Versehen“ viele Vokabeln gemerkt. Jetzt möchte er durchstarten. Bewusst lernen. Das wird deutlich als Sebastian und Leo über die nächsten Schritte sprechen. „Wie kannst du dir das Lernen zeitlich vorstellen?“ fragt Sebastian. „Also ich könnte schon so eine halbe Stunde täglich lernen.“ „Echt? So viel?“ antwortet Sebastian fraglich. Sebastian ist wichtig, dass sich Leo realistische Ziele setzt. Er möchte herausfinden, ob Leo seine Vorhaben auch schaffen kann und ob er das wirklich will. „Naja, vielleicht auch 20 Minuten pro Tag.“  Sebastian zählt Leo auf, was für Möglichkeiten er nun hat. Er kann sich ein Lernheft mitnehmen. Er kann sich ein Buch ausleihen. Er kann sich ein Hörbuch anhören. Er kann sich bei einem Computer Lernprogramm anmelden. 

Leo beim Lernen

Leo entscheidet sich für das Buch mit dem passenden Hörbuch. Mit „The Wizard of Oz“ wird er nun Englisch lernen. Sebastian greift in die Schublade und holt ein Schreibheft hervor. Alles Material was benötigt wird, ist direkt vorhanden. Leo kann beginnen und die erste Seite übersetzen. Konzentriert lehnt er sich über das Buch. Fragt Sebastian ab und zu nach Wörtern. Leitet sich Wörter her. Schreibt. Radiert. Korrigiert. 

Da betritt Zoe den Raum. Auch sie will Englisch lernen. Sie ist schon etwas älter und weiß, dass sie das irgendwann braucht, um den mittleren Schulabschluss zu erreichen. Zoe liest momentan Kurzgeschichten über Züge. Nur die Motivation ist nicht ganz so hoch wie bei Leo. Sie braucht mehr Struktur. Gemeinsam mit Sebastian versucht sie, ihren eigenen Lernweg zu finden. 

Sebastian erklärt Leo und Zoe das Simple Past. (Fotos: Tabea Zorn)

Leo ist fertig. Die erste Buchseite hat er erfolgreich übersetzt. Sogar neu illustriert hat er sie. Der gemalte Hügel wäre im Buch zu hoch gewesen. Jetzt ist Sebastians Zeitpunkt, um über Grammatik zu reden. Die Tafel ist seine Bühne. „Didaktisch ist die Regelschule eigentlich viel schwerer. Da muss ich nämlich auch schauen, dass ich die Kinder unterhalte, die keinen Bock haben. Hier kann ich ruhig auch mal Frontalunterricht geben. Wenn mich etwas interessiert, dann höre ich auch gerne mal für eine Stunde zu.“ erzählt Sebastian später. „So etwas wie heute passiert natürlich nicht tagtäglich. Aber schon öfters. Das ist immer ein besonderer Moment.“ Momente, die eine Bestätigung für ihn sind — seine Idee, seinen Lebensweg und die Verwirklichung seiner Schulgründung. 

Eine Unterrichtsstunde für zwei Schüler. Heute haben sie das Simple Past gelernt, inklusive der Verneinung, der Fragestellung, den Ausnahmen. Auf der Regelschule braucht diese Grammatikeinheit ein Vierteljahr. 

Sebastian muss dann weg. Er hat einem anderen Schüler versprochen, ein Lernspiel mit ihm zu spielen. Seine vorbereiteten Arbeitsblätter hat er heute keinmal berührt. 

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