Test
Über das Leben

Wie ein Test meine intrinsische Motivation zerstört hat

Lernen, weil ich es will

Test
Manchmal sitze ich sogar im Meer!

Ich sitze am Meer in Frankreich. Seit drei Wochen mache ich einen Sprachkurs in La Rochelle, einem kleinen Städtchen direkt am Atlantik.

Ich mache diesen Sprachkurs einzig und alleine für mich. Ich studiere kein Französisch und werde es später auch nicht in der Schule unterrichten. Ich brauche keinen Sprachnachweis für meine Uni und habe auch nicht im Hinterkopf, dass ich dadurch meine Jobchancen konkret verbessere.

Alle anderen TeilnehmerInnen meines Kurses sind ebenfalls aus Deutschland und haben ebenfalls ein Stipendium mit dem sie teilnehmen. Relativ schnell wird mir klar: auch sie machen das Ganze für sich. Keiner wird von der Uni dazu verpflichtet oder braucht ein gewisses Sprachniveau für ein Studium in Frankreich.

Klar, einige wollen ihr Französisch verbessern, weil sie demnächst ein Semester im Ausland studieren, aber aller haben ihren Platz schon sicher. Keiner muss noch irgendein Sprachniveau vorweisen können, um von der französischen Universität genommen zu werden.

Alle sind freiwillig hier und wollen lernen.

Das merke ich.

Und plötzlich ein Test

Gerade zu Anfang des Kurses waren wir alle motiviert, hatten Spaß und die Stimmung war gut. Wir wollten etwas lernen, mussten es aber nicht.

Nach ein paar Tagen ist die Motivation etwas gesunken. Das lag vor allem daran, dass wir in meiner Klasse eine Lehrerin erwischt hatten, mit der wir nicht so zufrieden waren. Einige haben sich über die angebotenen Inhalte beschwert und hätten sich zum Beispiel mehr Grammatik gewünscht.

Eines Tages kam die besagte Lehrerin in die Sprachklasse und verkündete: „Am Ende des Kurses gibt es einen Test, um euer Sprachniveau festzustellen.“ Inklusive Zertifikat.

Zu sagen, dass sich von jetzt an, alles geändert hätte, wäre gelogen. Aber ich spürte, dass die bloße Ankündigung eines Tests, für eine kurze Zeit für eine Veränderung im Raum sorgte. Ein Raunen für den Bruchteil einer Sekunde. Ein Test. Mit Zertifikat.

In den nächsten Tagen ist die Stimmung nicht groß anders, aber ich merke, dass wir bei den Grammatikeinheiten plötzlich konzentrierter sind. Mehr aufpassen. Und nachmittags fangen die ersten an, nochmal in ihre Aufschriebe vom Vormittag zu schauen.

Am Tag des Tests sehe ich vereinzelte Leute, die versuchen kurz vorher nochmal irgendwelche Grammatikeinheiten ins Kurzzeitgedächtnis zu prügeln. Wie früher in der Schule oder auch manchmal in der Uni.

Selbstsabotage

Der Test findet am Computer statt. Ich klicke auf „Start“ und sehe wie am oberen Bildschirmrand die Zeit anfängt herunterzulaufen. Ich merke wie ich nervös werde. Und mich selbst innerlich ermahne: „Florian, entspann dich, es geht um nichts!“

Während des Tests gibt es plötzlich Probleme mit der Technik. Die Lehrerin geht kurz aus dem Raum, um diese irgendwie zu beheben. Automatisch setzen alte Muster aus der Schulzeit ein. Ich verspüre automatisch den Drang, das Mädchen neben mir zu fragen, was die richtige Lösung bei meiner Aufgabe ist. Sie kann nämlich deutlich besser Französisch als ich.  Und als ich meinen Blick hebe, sehe ich, dass andere das Gleiche tun. Sich absprechen. Lösungen vergleichen. Sich gegenseitig den Computer-Bildschirm zudrehen. Heimlich flüstern.

Wir stressen uns und schummeln, obwohl es keinen Grund dafür gibt. Wir brauchen kein Sprachzertifikat. Zudem zählt dieses nicht mal. Wir reden hier nicht von einem TOEFEL-Test oder einem anderen Sprachzertifikat, welches international anerkannt wird. Kein Mensch wird wohl jemals wissen wollen, ob wir im Sprachkurs in La Rochelle in jenem Frühling im Jahr 2019 das Niveau B1, B2+ oder H95 erreicht haben.

Ich will damit nicht sagen, dass Sprachkenntnisse unwichtig sind. Ganz im Gegenteil. Doch ich glaube eher daran, dass mein Gegenüber in einem Vorstellungsgespräch anfangen würde, sich wirklich mit mir auf Französisch zu unterhalten, wenn dies für die Stelle wichtig ist.

Ein Mitstudentin beschwert sich nach dem Test bei der Lehrerin, dass Grammatikkonstruktionen abgefragt worden wären, die wir vorher gar nicht behandelt hätten. Dabei spielt das ja eigentlich keine Rolle.

“Das könnte später auch im Test drankommen!”

Wir haben uns selber betrogen! Der Sprachtest könnte ja eigentlich eine Hilfe für uns sein. Er bietet uns ja eigentlich die Möglichkeit, eine realistische Einschätzung unseres Könnens zu erhalten. Genau zu sehen, welche Teile der französischen Grammatik uns noch Schwierigkeiten bereiten. Welche Wortfelder wir uns noch genauer anschauen können. Doch stattdessen sabotieren wir uns selber. Wir gaukeln Wissen vor, welches wir gar nicht haben, nur um an Ende eine höhere Punktzahl aufweisen zu können.

Unterstützt wurde dieses Verhalten mit Sicherheit auch von unserer Lehrerin. Sie hatte es mit uns als Gruppe nicht leicht, weil sie unseren Ansprüchen nicht genügte. Dementsprechend rebellierten wir des Öfteren gegen in unseren Augen sinnlose Übungen und formulierten stattdessen unsere Wünsche. Dementsprechend wirkte sie ab und zu überfordert und nutzte in solchen Momenten den angekündigten Test als wirksames Drohmittel:

„Strengt euch jetzt mal lieber an, denn das könnte später auch im Test drankommen!“

Genau diese Sätze kennen wir aus unserer eigenen Schulzeit. Sie sind wahrscheinlich der Grund dafür, warum wir bei einem harmlosen Sprachtest wieder genau in jene alten Muster aus der Schulzeit zurückverfallen.

Weil wir von klein auf darauf trainiert werden, Bewertungen Bedeutungen beizumessen.

Weil wir von klein auf gelernt haben uns gut zu fühlen, wenn wir eine gute Bewertung bekommen.

Weil wir wahrscheinlich unterbewusst automatisch einen Zusammenhang zwischen unseren Ergebnissen und unserem Selbstwertgefühl herstellen.

Der Kampf gegen die eigene Konditionierung

Ich bin überhaupt nicht dagegen, mich bei einem Test anzustrengen. Ich bin total dafür, mich allgemein im Leben anzustrengen, das Beste aus jedem Moment zu machen und zu schauen, wie weit einen das eigene Potential bringen kann.

Aber ich bin dagegen mich anzustrengen, nur weil meine Lehrerin mir Druck mit einem Test macht.

Ich will mich nicht im Französisch-Kurs anstrengen, nur weil etwas später eventuell in einem Test abgefragt wird.

Ich will mich nicht anstrengen, nur damit ich möglichst wenige Fehler in der Auswertung finde.

Ich will mich nicht anstrengen, nur damit später auf meinem Zertifikat B2 statt B1 draufsteht.

Ich will mich anstrengen, damit ich mich später mit meiner Gastmutter ein besseres Gespräch führen kann.

Damit ich am Bahnhof ohne Probleme mein Ticket umtauschen kann, weil ich spontan nach Frankfurt fahre.

Damit ich die französische Studentin, die mir gegenüber auf einer Parkbank sitzt und mich süß anlächelt, fragen kann, ob sie einen Kaffee mit mir trinken geht.

Während ich diese letzten Zeilen tippe, blinkt plötzlich mein E-Mail-Verteiler.

Eine Mail mit dem Test-Ergebnis. Mein Herz fängt plötzlich an schneller zu schlagen.

Ich habe Sprachniveau B2.

Ich freue mich darüber und bin unwillkürlich erleichtert.

Hier kommst du zu Florians letztem Artikel über die EUDEC-Konferenz: Zwischen Singzikaden und Plastikstühlen – Die EUDEC-Konferenz 2018

5 Kommentare

    1. Hi Matthias,
      nur durch den Test alleine ist mein Französisch sicher nicht besser geworden 😉 Prinzipiell finde ich es schon sinnvoll zu wissen, wo ich in einer Sprache noch Schwächen habe und dafür ist ein Test ja nicht verkehrt. Die automatische eigenen Reaktionen darauf hat mich nur zum Nachdenken gebracht..

      Grüße,
      Flo

  1. Guter Blogartikel, Flo!
    Die Frage ist, ob extrinsische Motivation nicht manchmal doch sinnvoll ist. Ob der Druck, der durch die Tests entstand, einen gewissen Lerneifer geweckt hat, der dazu führt, dass man sich später tatsächlich ein Stück weit auch besser mit der Gastmutter oder dem süßen französischen Mädchen unterhalten kann…

    1. Danke Bruno!

      Spannende Frage. Ich habe nur die Befürchtung, dass die extrinsische Motivation dann nur sehr schnell Überhand nimmt..

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